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Das Unechte ist das Natürliche

Wie die Psyche ihre authentischen Schätze tarnt

Von Artho Wittemann

  

Der Begriff der Authentizität ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Das Echte, das Ursprüngliche, das Essenzhafte und Wahre: überall wird es gefordert, versprochen oder angeboten. Während unsere Welt immer künstlicher und kommerzieller wird, wird das Bekenntnis zu Echtheit immer lauter.

Ist das ein Widerspruch? Sehnen wir uns deswegen nach Echtheit, gerade weil immer alles künstlicher wird? Sind wir nur die Opfer von Geschäftemachern, die uns weismachen, sie könnten unsere Sehnsucht nach Liebe mit einem Hamburger stillen? Oder mögen wir vielleicht genau diese schräge Mischung aus echter Künstlichkeit und künstlicher Echtheit? Und was hat das alles mit unserer ‚echten’ menschlichen Natur zu tun?

 

 

„Während andere versuchen, alles zu versprechen, versprechen wir nur eines. Das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle: Freude“. Dieser Text steht nicht im Programm eines Therapeuten, einer Religionsgemeinschaft oder eines Erleuchteten. Er steht auf der Website von BMW. 

Weiter heißt es da wörtlich: „Freude ist BMW“.

Es heißt nicht: BMW macht Freude, oder wenigstens: BMW ist Freude. Nein: Freude selbst ist BMW. BMW sagt ganz unverhüllt: wir nehmen das menschlichste aller Gefühle und setzen es ohne weitere Erklärung gleich mit unserer Automobilmarke. Wir besetzen das Gefühl; wir reklamieren es für uns und jeder kann es bei uns kaufen.

 

Die meisten Menschen würden wohl der Aussage zustimmen, dass Freude ein ursprüngliches, ein echtes Gefühl ist. So wie auch Liebe, Wut, Angst, Seligkeit und andere Zustände, gehört Freude zu den archetypischen Gefühlen. Sie können so tief von einem Menschen Besitz ergreifen, dass er bereit ist, alle Vorsichtsmaßnahmen, alle Berechnungen, alle Strategien über Bord zu werfen, um sich ganz dem Sog und den Verlockungen dieser einen Erfahrung hinzugeben. Gefühle, in dieser Reinheit und Tiefe, sind echt. 

 


Resignation, Ironie oder Dummheit? 

a look inside

 

Niemand hat Widerspruch gegen die Kampagne von BMW eingelegt, niemand hat Klage erhoben. Aber warum nicht? Es gibt mehrere mögliche Antworten auf diese Frage.

Vielleicht befinden wir uns in einer kollektiven Resignation; in einem Zustand der allgemeinen Überforderung. Wir sind zu müde, um uns zu wehren. Von zu vielen Seiten prasseln Behauptungen auf uns ein, die wir zwar als falsch empfinden, gegen die wir aber nichts tun können. Egal wohin wir blicken, werden uns tiefe Gefühle untergejubelt. McDonalds behauptet einfach: Ich liebe es. Wir können nicht in jede McDonalds-Filiale gehen und gegen diese Aussage protestieren. Wir können nur weg bleiben, aber das merkt McDonalds angesichts seiner riesigen Umsätze wohl nicht. VW: aus Liebe zum Automobil. Alpha Romeo: Weißglut. Peugeot: Fangen Sie Frühlingsgefühle ein. Atempause: Ein Produkt von Lufthansa. Wo sollte man da anfangen?

 

Vielleicht ist es aber gar nicht Müdigkeit und Resignation, die uns so entspannt wirken läßt bei all diesen schrägen Behauptungen. Vielleicht sind wir inzwischen so gut darin, Werbeaussagen einfach nicht ernst zu nehmen, dass auch ein offensichtlich verdrehter Spruch wie ‚Freude ist BMW’ keine Reaktionen mehr in uns auslöst. Mit eleganter ironischer Distanz entwinden wir uns dem Zugriff der Werbung, die unsere echten Gefühle ausbeuten will. Wir kennen die Regeln; wir wissen was gespielt wird und wir bleiben die heimlichen Sieger.

Wir sind uns sicher, dass wir auf den authentisch wirkenden Köder gar nicht hereingefallen sind.

 

Wir ziehen uns das T-Shirt über, das schon beim Einkauf verwaschen war und auf dessen Brust fett ‚authentic wear’ steht, und wir grinsen, weil wir wissen, dass im gleichen Moment Millionen identischer T-Shirts getragen werden. Millionen von identisch-authentischen Hemden. Resignation (‚es nützt ja doch nichts’) oder ironische Distanz (‚ihr kriegt mich eh nicht’) könnten unsere hinnehmende, achselzuckende Haltung erklären. Vielleicht ist aber alles noch viel einfacher; vielleicht sind wir alle nur zu dumm, um den Trick wirklich zu bemerken. Vielleicht sind wir eben doch primitive, reizgesteuerte Primaten, denen man nur eine Banane vor die Nase halten muss, damit sie danach greifen. Und wenn echte Bananen zu aufwendig und teuer sind, dann reichen auch die schön grell-gelben Attrappen, um den Greifreflex auszulösen. Je unechter die Attrappe, um so billiger die Herstellung; je echter ihr Aussehen, umso effektiver die Wirkung. Die moderne Technik ermöglicht beides: die absolut echt wirkende billige Kopie.

Aber da gibt es, neben Resignation, ironischer Distanz und Dummheit noch eine vierte Möglichkeit, die wir ernsthaft erwägen sollten: Wir werden gar nicht hinters Licht geführt. Man gibt uns genau das, wonach wir verlangen und dieses Verlangen ist natürlich. Es ist alles genau so, wie wir es wollen und brauchen.


Die Liebe eines Rollkragenpullovers

 

Vor einiger Zeit verteilte ein großes Modehaus einen aufwendigen Werbeprospekt für Cashmere-Pullover. Eine sehr schöne junge Dame demonstriert auf dem Umschlagfoto, dass man so einen Pullover gar nicht erst anziehen muss, um darin warm zu bleiben. ‚Verführen Sie Ihre Haut’ steht daneben. Die junge Dame verführt uns auf 20 weiteren Seiten durch den Katalog und neben ihren Fotos finden wir kleine Liebesbriefe. Sie kommen aber nicht von der jungen Dame; nein, es sind die Cashmere-Pullover selbst, die das Wort direkt an unsere Haut richten.

‚Geliebte Haut’, steht da zum Beispiel, ‚ohne Dich bin ich nichts, meine Fasern verloren und bedeutungslos, mein Cashmere am Boden zerstört. Nimm mich mit nach Hause und mache aus mir den glücklichsten Pullover der Welt. In Liebe, Dein Rollkragenpullover.’

Angenommen, wir wollten genau das: tiefe Bekenntnisse von Rollkragenpullovern, menschliche Gefühle von Automobilen, treue Liebe zu Fertiggerichten. Angenommen, das künstliche Echte läge uns viel näher als das echte Echte. Und angenommen, der Grund dafür wäre weder in unserer Resignation, noch in unserer Abgebrühtheit, noch in unserer Primitivität zu finden, sondern in unserer authentischen Natur.

Dieser Spur wollen wir im Folgenden etwas nachgehen.

 


Auf der Suche nach dem wahren Selbst

Die Diagnose und die Beschreibung menschlicher Entfremdung in der modernen Gesellschaft ist natürlich nichts Neues. Viele haben den Verlust der Ursprünglichkeit erkannt und beklagt. Viele wertvolle Vorschläge wurden gemacht, mit welchen Maßnahmen man diese Entwicklung umkehren könnte.

Sigmund Freud hat gleich zu Beginn der modernen Psychologie den Topos des Authentischen eingeführt: Das Es repräsentiert in seinem Modell die ursprünglichen, von keinen zivilisatorischen Regeln und Zwängen eingeschränkten  Impulse und Triebe. Als Freud empfahl, Jugendlichen schon vor der Hochzeit Sex zu erlauben, erntete er heftigsten Protest. Er war für seine Zeit ein mutiger Verfechter der Befreiung natürlicher Impulse. Sein ganzer Behandlungsansatz beruht auf der Idee, die ‚Verdrängung’ dieser Impulse rückgängig zu machen und sie in das Ich-Bewusstsein zu integrieren.

Dem stand jedoch – nach Freuds Auffassung – das Über-Ich als Gegenspieler des Es im Wege. Das Über-Ich hält nichts von authentischen Regungen; ihm liegt nur daran, uns möglichst geräuschlos an die Forderungen der Gesellschaft anzupassen und dafür opfert es ohne Rücksicht die ehrlichen, wahren Impulse des Es. Selbstentfremdung und Neurosen sind die Folge.

Dieser Dualismus hat unser Verständnis über die innere Dynamik der Psyche tief geprägt. Wir glauben seit Freud, dass das Wahre und das Unechte zwei gegensätzliche Antagonisten seien, die sich bekämpfen. Dieser Glaube drückt sich in unzähligen psychotherapeutischen und spirituellen Lehren und Praktiken aus.

Manche suchen das wahre Selbst in vitaler Ausdruckskraft, manche in eigensinniger Selbstbestimmtheit und manche in überpersönlicher Transzendenz. Fast immer aber sehen sie das jeweilige „Echte“ bedroht von inneren und äußeren Zwängen, die es zu erkennen und zu überwinden gilt.

Aber spiegelt diese Sichtweise die tatsächlichen Verhältnisse?

 


Der Fetzenfisch und seine Brüder

 

Die belebte Natur wird gerne als Vorbild für eine unverstellt authentische Lebensweise angeführt. Sind nicht die Tiere und Pflanzen ganz sie selbst? Zeigen sie uns nicht auf wunderbare Weise, wie eine ursprüngliche Lebensweise aussieht? Dass sich Tiere und Pflanzen in einem ständigen Anpassungs- und Überlebenskampf befinden, wird da leicht übersehen.

Nehmen Sie zum Beispiel den Fetzenfisch: Er sieht aus wie eine alte vergammelte Alge und deshalb ist auch niemand scharf darauf, ihn zu fressen. Er verleugnet mit seinem Aussehen nicht nur seine eigentliche Natur als Fisch; er tut auch noch so, als wäre er gar nicht wirklich da. Seine Tarnung ist von genialer Intelligenz.

Ist der Fetzenfisch authentisch? Oder will er aus seiner Tarnung befreit werden? Leidet er darunter, dass ihm seine Fetzen-Strategie das schnelle Umherschwimmen und das elegante Aussehen anderer Fische unmöglich macht?

 

Oder ist es nicht eher so, dass der Fetzenfisch gerade in seiner Tarnstrategie seine authentische Natur zeigt? Dann wären die Tarnung (Alge) und das Eigentliche (Fisch) nicht zwei grundsätzlich verschiedene Dinge, die miteinander im Wettstreit liegen, sondern sie wären aus dem gleichen ursprünglichen Willen erwachsen, dem Willen, zu leben und sich in einer feindlichen Welt zu behaupten. Der Fetzenfisch kann stolz sein auf seine Lösung und er wird weiter an ihr arbeiten. Vielleicht kann ihm eine neue kleine Bewegung einen entscheidenden Vorteil bieten, die das Treiben in der Strömung beschleunigt, ohne ihn zu verraten. Oder eine neue Farbnuance, die ihn den vorbeischwimmenden Algen noch ähnlicher werden läßt. 

Die belebte Natur ist durchdrungen von dieser genialen und unbewussten Intelligenz, wie sie der Fetzenfisch zeigt. Die erstaunlichsten Strategien ermöglichen es den Lebewesen, zu überleben und sich weiter zu entfalten.

Wir sehen an diesem Beispiel, dass Authentizität in der Natur keine Selbstverständlichkeit ist. Wenn es nötig und möglich ist, machen sich Tiere völlig unsichtbar, stellen sich tot oder imitieren andere Tiere und sogar Gegenstände. Diese Verwandlungskunst ist eine Lösung, ein Triumph des Überlebens.
Warum sollte das in der Psyche des Menschen anders sein?

Wenn wir die Dinge so betrachten, dann sind das Wahre und das Unechte keine Gegenspieler mehr, denn sie kommen aus der gleichen Quelle. Sie sind Ausdruck eines intelligenten aber unbewussten Willens, der instinktiv erkennt, dass er in seiner ursprünglichen Form bedroht ist und der nun selbst alles daran setzt, eine neue Form zu entwickeln, die ihn schützt. Er ist stolz auf diesen Schutz. Er wartet nicht darauf, dass ihn jemand davon befreit. Er wartet höchstens darauf, dass jemand die Intelligenz und Genialität seiner Lösung erkennt.


Innere Quellen

Wenn wir die Psyche unvoreingenommen betrachten, dann können wir sehen, dass sie genau das gleiche macht wie der Fetzenfisch: Sie kann ihre Erscheinung bis zur Unkenntlichkeit verändern, sie kann sich ihrer Umgebung völlig anpassen und sie kann sich komplett tot stellen. Ihr Repertoire an Tricks ist riesig und sie lernt ständig dazu. Wie aber hängen diese Verwandlungskünste mit dem zusammen, was wir als das Wahre, das Echte, das Authentische in uns erleben?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht so leicht zu finden. Das liegt eben genau an der Fähigkeit der Psyche, jeden, der ihr näher kommt, mit zahlreichen Tricks und Ablenkungen zu verwirren und auf Abstand zu halten, ohne dass dafür auch nur ein Hauch von Bewusstsein nötig wäre.

Freud schloß aus diesem  unbewussten Widerstand, daß es unmöglich ist, die Tiefen der Psyche direkt und systematisch zu untersuchen. Er erhob deshalb die Deutung der sichtbaren Phänomene - wie Träume, Erinnerungen oder das Verhalten - zum zentralen Werkzeug der Psychoanalyse.

Freud ging davon aus, dass die sichtbaren Phänome der Psyche aus drei unterschiedlichen Quellen  - Ich, Es und Über-Ich - kommen. Das Ich betrachtete er als den bewussten und vernünftigen Anteil der Psyche, das Es als Quelle der Triebe und ungeformten Impulse, das Über-Ich als Instanz der gesellschaftlichen Regeln und Ansprüche. Freud nahm also von Anfang an eine Etikettierung der Quellen vor. Er schrieb ihnen bestimmte Eigenschaften zu, die zwar plausibel klingen, die aber, wie er selbst glaubte, nicht direkt zu untersuchen und zu verifizieren waren.

Wie viel eleganter und zielführender wäre es, wenn wir die Tiefen der Innenwelt direkt bereisen könnten, um ihre inneren Zusammenhänge zu erkunden. Um das zu erreichen, müssen wir nur eine kleine Veränderung von Freuds Ausgangspunkt vorzunehmen: Wir behalten seine Grundidee der unterschiedlichen Quellen bei, verzichten aber darauf, diesen Quellen von vorneherein bestimmte Eigenschaften zuzuweisen. Wir gestehen uns ein, dass wir die Quellen an ihrer sichtbaren Oberfläche noch nicht verstehen können. Das gibt uns die Freiheit, die Oberfläche der Quelle zu nehmen, wie sie ist, ohne voreilige Schlüsse auf ihre Tiefe schließen zu müssen.


Wenn wir einen Fetzenfisch fangen, rufen wir also nicht: Oh, eine Alge! Wir rufen auch nicht: Oh, ein Fisch verkleidet als Alge! Wir sagen nur: Sieht aus wie eine Alge – kann ich das auch?

 


‚Gleich zu Gleich’

Wenn ein Mensch wissen will, welche Quellen unbewusst in ihm wirken, kann er das mit etwas Unterstützung von außen ganz direkt und systematisch untersuchen.

Dafür braucht er ein Gegenüber, einen Begleiter mit speziellen Fähigkeiten. Der Begleiter muss in der Lage ist, sich ganz auf ihn einzulassen, seine Art genau zu erfassen und ihm dann ähnlich zu werden, ohne irgendwelche Rückschlüsse daraus zu ziehen. Wenn der Mensch sagt „Schön, Dich zu sehen!“, wird sein Gegenüber auf sehr ähnliche Art vielleicht antworten. „Ja, ich freue mich auch Dich zu sehen!“. Und dann kann sich ein Dialog entfalten, zwischen zwei Ähnlichen, von ‚Gleich zu Gleich’. Angenommen, die Aussage des Klienten kommt aus einer wirklich herzlichen Quelle, die sich aufrichtig freut, den Begleiter zu sehen. Dann wird der Begleiter aus einer freundlichen Quelle in sich antworten und bald haben wir zwei Menschen, die sich in herzlicher Verbundenheit begegnen. Sie fühlen sich beide offen, nahe und vertraut.


Das klingt soweit vielleicht alles ganz normal und bekannt. Aber der Begleiter hat jetzt einen entscheidenden Paradigmenwechsel vollzogen. Er interessiert sich nicht mehr für die Worte, für die Inhalte des Klienten. Er interessiert sich vor allem für die Quelle, aus der diese Worte kommen. Dieser Paradigmenwechsel ist das entscheidende Element, das die Begegnung völlig verändern wird.

 


Beziehung vs. Inhalt

 

Der Begleiter wird seinem Gegenüber also ähnlich und er besteht auf dieser Ähnlichkeit. Er bringt sie sogar noch intensiver ein als der Klient selbst. Er wird – in unserem Beispiel – noch einen Tick herzlicher, einladender und freundlicher als sein Gegenüber werden. Aber nicht nur mit Worten! Seine Gesten, seine Mimik, seine Haltung, seine Emotionen, seine inneren Bilder, ja sogar sein Energiefeld verdichten sich ganz auf diese spezielle Art der Herzlichkeit, die ihm die innere Quelle des Klienten anbietet. Er erzeugt ein Resonanzphänomen und das Ergebnis ist eine äußerst eindeutige, intensive Beziehung zwischen zwei Ähnlichen. 

Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein Trick wirkt, ist in Wahrheit eine Kunst, die viel Entwicklung, Klärung und Übung von seiten des Begleiters bedarf. Es hat nichts mit Nachmachen zu tun, nicht einmal mit den landläufig bekannten Formen des Pacings oder Spiegelns. Das Gelingen hängt ganz von der inneren Freiheit ab, die der Begleiter in seinem eigenen System erreicht hat. Denn seine eigenen inneren Quellen müssen bereit sein, sich möglichst eindeutig und intensiv auf das Gegenüber einzulassen und diesen Kontakt aus eigenem Impuls heraus zu suchen. 

Wir erinnern uns: Tarnung, Uneindeutigkeit, Verwirrung sind universelle, geniale und unbewusste Strategien. Therapeuten sind da keine Ausnahmen.  Ihre eigenen inneren Quellen haben sich ebenfalls gut und möglichst unauffällig geschützt. Das Gleich-zu-Gleich ist eine enorme Herausforderung, diesen Schutz fallen zu lassen und sich eindeutig zu beziehen, ohne zu wissen, wohin das führen wird. Man kann diese Kunst daher nicht einfach willentlich herstellen.

Wenn der Kontakt aber gelingt und das Resonanzphänomen in Fluss kommt, geschehen mehrere entscheidende Dinge gleichzeitig: es entsteht intensiver Kontakt, eine große Eindeutigkeit und eine wache Aufmerksamkeit, in der auch kleinste Veränderungen wahrgenommen werden. Was bedeutet das für die innere Quelle, um die es geht? Sie kann nicht mehr ausweichen. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wird eindeutig und in kleinsten Schritten nachempfunden und bejaht. Jede weitere Bewegung wird sofort mit vollzogen und vertieft. Sie soll ja nicht verändert, nicht einmal verstanden, sondern nur in ihrem momentanen So-Sein umfassend erkannt und verstärkt werden.

 


Schichten

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In unserem Beispiel beginnt sich die herzliche Zugewandtheit langsam etwas abzukühlen. Unmerklich erst, dann immer deutlicher, schlägt die Stimmung der Quelle um. Sie ist es nicht gewohnt, dass man ihr so hartnäckig und mit ihren eigenen Mitteln begegnet. Normalerweise freut sich ihr Gegenüber kurz über die Freundlichkeit und wendet sich dann den Inhalten zu, die sie ins Spiel bringt. Das kann alles sein, was sich gerade anbietet: vom Wetter über den Verlauf der Therapie bis hin zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Jetzt aber endet jeder ihrer Versuche, ein Thema im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu etablieren wieder bei ihr selbst und wie sie das macht. Sie wird erst nervös, dann abwehrend, schließlich offen abweisend. Der Begleiter geht wieder mit, immer eng am Vorbild der Quelle selbst, immer ähnlich antwortend und dabei die Wechsel bejahend. Aus der Herzlichkeit wird nervöser Rückzug, aus dem Rückzug dumpfes Schweigen und aus dem dumpfen Schweigen machtvoll abweisende Überlegenheit.

 

Und schließlich, nach vielen Stunden, zeigt sich die Quelle in ihrer eigentlichen, ursprünglichen und wesenhaften Form: als aufrechte, tatkräftige, selbstbewusste, ernsthafte und eindeutig urteilende Person – genau die Eigenschaften, die der Mensch in seinem Leben schmerzlich vermisst hatte. „Ich bin immer zu freundlich, ich kann mich nicht durchsetzen“, waren ihre ersten Worte bei Beginn des Prozesses gewesen.

 

„Ich musste meine Macht und mein Urteil verstecken!“ waren die Worte der inneren Quelle, als sie es zum ersten Mal wieder wagte, sich in ihrer unverstellten Form zu zeigen. „Wenn ich mein Urteil nicht mit Freundlichkeit und Rückzug getarnt hätte – ich glaube, ich hätte die Angriffe nicht überlebt.“


Selbstverdrängung

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Es war also die innere Quelle selbst, die ihre tatkräftigen, selbstbewussten, ernsthaften und eindeutigen Qualitäten unter Schichten von harmlos-herzlichen, zurückgezogenen und verächtlichen Haltungen und einer großen Menge unterschiedlichster Inhalte verborgen hatte. Das war ihre Rettung, ihre Lösung angesichts einer überwältigend feindlichen Umwelt.

Hier war kein Impuls von einem Über-Ich unterdrückt worden. Die Unterdrückung kam aus der gleichen Quelle wie der Impuls. Die Quelle selbst schützte sich vor feindlichem Zugriff. Mit unbewusst-genialer Intelligenz fand sie einen Weg, sich zu tarnen und keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Wie der Fetzenfisch bot sie einen harmlosen, nichtssagenden, verwirrend vielfältigen Anblick. So war ihre Essenz, ihre ursprünglichen Fähigkeiten und Werte, vor Angriffen geschützt.

Die Nebenwirkungen dieser Selbstverdrängung waren natürlich beträchtlich. Die ganze Tatkraft der inneren Quelle, ihre Eindeutigkeit, Urteilsfähigkeit und Entschlossenheit standen nicht mehr direkt zur Verfügung. Wo sie – ihrer Natur nach – einfach nur nachdrücklich Nein gesagt hätte, musste sie jetzt komplizierte Manöver freundlicher Ablenkungen durchführen.

 

Wo sie– ihrer Natur nach – einen eindeutigen Weg eingeschlagen hätte, musste sie sich nun richtungslos durchlavieren. Was aber hätte sie gemacht, wenn man ihr nahegelegt hätte, sich doch etwas in Eindeutigkeit, Abgrenzung und Durchsetzung zu üben? Sie hätte diesen Vorschlag, ihren Tarnkünsten gemäß, erst einmal akzeptiert, umfassend diskutiert und dann auf  unerklärliche Weise im Nichts enden lassen. Und über diesen Erfolg hätte sie sich gefreut.


Der große Deal

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Fast alle unsere inneren Quellen haben einen ähnlichen Prozess der Selbstverdrängung durchlaufen. Sie haben ihre Essenz, ihre ursprünglichen und eindeutigen Fähigkeiten, unter Schichten von tarnenden Haltungen und Inhalten begraben. Sie haben dies mit der gleichen blinden aber genialen Intelligenz getan, die in allen Lebewesen zu wirken scheint. Sie haben unbewusst erfahren und verstanden, dass das Eigentliche, Eindeutige und Wahrhaftige in diesem Leben nicht belohnt wird, sondern früher oder später Zielscheibe und Angriffsfläche wird für alle, die sich selbst durchsetzen wollen oder die andere Ziele verfolgen.

Etwa 15-20 solcher Quellen finden wir in einem Menschen, wenn wir sein inneres System auf die oben beschriebene Weise systematisch untersuchen. Manche sind für die Welt sichtbar (zumindest mit ihrer Tarnung), andere sind vollständig in die Tiefen der Innenwelt abgetaucht. Nacheinander kann man sie kennen lernen und von ihrer Oberfläche bis in ihre Essenz untersuchen.

 

Je länger man sich mit ihnen befasst, umso klarer wird, wie willkommen den inneren Quellen alle Angebote sind, die ihnen helfen, die Welt, das Leben und die Menschen auf Abstand zu halten und trotzdem noch ein wenig an ihr teilzuhaben. Fernsehen, Kino, Internet, Werbung, Autos, Pauschalreisen und Fertiggerichte entsprechen exakt ihrer grundsätzlichen Lösung: Sie schenken Lebendigkeit und bleiben auf Abstand. Sie geben Liebe und lassen in Ruhe. Sie handeln vom Wahren ohne es zu berühren. 

 

Dass Freude - „das persönlichste, schönste und menschlichste aller Gefühle“ - gleichbedeutend mit BMW ist, dass Pullover uns Liebesbriefe schreiben, dass Atempausen ein Produkt von Lufthansa sind – das ist unseren inneren Quellen, in ihren unbewusst getarnten Haltungen, sehr willkommen. Es unterstützt sie in ihrem Bemühen, ihr Kostbarstes, ihren unverstellten beseelten authentischen Willen zu beschützen, indem sie ihn mit Ablenkungen, Tarnmanövern und täuschend echt gemachten Kopien verbergen. Es verspricht ihnen, dass ihre Schätze verstanden und trotzdem weiterhin in Ruhe gelassen werden.

Es besteht ein universeller Vertrag, ein großer Deal, zwischen den inneren Quellen und den Herstellern dieser virtuellen Freuden. Sie brauchen sich gegenseitig. Das Unechte ist das Natürliche. Wenn wir das verstanden haben, wissen wir, wo wir das Echte suchen müssen.

 




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In diesem Buch erzählen drei Frauen wie sie mithilfe der Methode IndividualSystemik ihre inneren Bewohner erkunden. Keine von ihnen hatte eine Ahnung von der Existenz ihrer Geheimen Bewohner. Und keine war darauf vorbereitet mit welch existentieller Wucht sie diese verborgene Wahrheit treffen und erschüttern würde. Alle drei Frauen beschreiben die Begegnung mit ihren Geheimen Bewohnern, und die Auseinandersetzung mit deren Nein zum Leben, als Bereicherung und Weiterentwicklung für sich selbst. Die IndividualSystemik ermöglichte es ihnen, ihr Inneres so klar zu erfahren, wie sie es bisher nicht für möglich gehalten hatten.

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